„Der Glaube ist nur eine Krücke für Menschen, die mit der harten Realität der Welt nicht zurechtkommen!“

Täglich werden wir mit dem Leid in unserer Welt konfrontiert. Sei es nun der Bettler an der Straßenecke oder der tägliche Blick in die Nachrichten. Wann immer eine größere Krise – wie etwa die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine – ausbricht, dominiert sie unsere Medien und nach einer gewissen Schock-Zeit reagieren viele Menschen darauf mit einem natürlichen Impuls: „Ich kann es nicht mehr hören!“

Wir spüren, dass es uns nicht gut tut, uns ständig den Schrecken dieses Lebens ausgesetzt zu wissen. Wir lenken uns ab und flüchten uns in etwas anderes. Dieser Fluchtimpuls ist für den berühmten Psychologen Sigmund Freud der Ursprung der Religion. Er schreibt:

[D]ie Hilflosigkeit der Menschen bleibt und damit ihre Vatersehnsucht und die Götter. Die Götter behalten ihre dreifache Aufgabe, die Schrecken der Natur zu bannen, mit der Grausamkeit des Schicksals, besonders wie es sich im Tode zeigt, zu versöhnen und für die Leiden und Entbehrungen zu entschädigen, die dem Menschen durch das kulturelle Zusammenleben auferlegt werden.“

S. Freud: Die Zukunft einer Illusion. In: Mitscherlich, A. u.a, (Hrsg.): Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion. Frankfurt a. M. 1974, S. 151-165. Auszüge.

Der Glaube an Gott ist nach Freud also ein Mittel, um psychologisch mit dem Leid und der Ungerechtigkeit, die wir erfahren, fertigzuwerden. Noch heute ist dies eine beliebte religionskritische Argumentationslinie. Bevor wir sie gleich hinterfragen, sollten wir zunächst einmal zugestehen, dass sie auf viele Menschen zutrifft. Sie finden halt in ihrer Religion und das ist für sie ein Hauptmotivator, zu glauben. Tatsächlich lassen sich immer wieder psychologische Studien finden, welche die positiven Auswirkungen des Glaubens auf die menschliche Psyche bescheinigen. So schreibt z.B. der Psychiater Raphael Bonelli, der passenderweise an der Sigmund-Freud-Universität in Wien arbeitet:

„Der Gläubige weiß, da gibt es jemanden, der ihn in der Hand hält und der für ihn sorgt. Man fühlt sich geborgen, und das schafft psychische Stabilität.“

Aus einem Interview mit dem „Spiegel“ am 23.12.2013.

Wenn ein Religionskritiker mit Freud argumentiert, meint er jedoch allzu oft noch etwas anderes.

„Heaven is a fairy story for people afraid of the dark.“

Stephen Hawking

In diesem mittlerweile ziemlich bekannten Zitat des berühmten Physikers steckt nicht nur, dass Glaube im Umgang mit „der Dunkelheit“ hilfreich, sondern auch, dass er eine „fairy story“, also ein Märchen, ist. Dies ist genau die Ansicht, die viele Menschen vertreten wollen, wenn sie sich auf Freud beziehen. Will man seine Argumentation so verwenden, tun sich allerdings einige Probleme auf:

Zunächst einmal liegt hier etwas vor, was man in der englischen formalen Logik eine genetic fallacy, also einen genetischen Fehlschluss, nennt. Dieser hat allerdings wenig mit Genetik, vielmehr aber mit Genese zu tun – dem Entstehungsprozess von etwas. Der Fehlschluss liegt nun darin, dass man von dem Entstehungsprozess einer Überzeugung auf deren Wahrheit schließen könne. Dass dies nicht möglich ist, soll ein Beispiel verdeutlichen:

Nehmen wir einmal an, wir wüssten nicht, dass Argentinien momentan Fußball-Weltmeister ist. Glücklicherweise informiert uns unser Nachbar Norbert über diese Neuigkeit. Da gibt es nur ein kleines Problem: Norbert gilt nicht nur als notorischer Lügner, er hat auch noch keine Ahnung von Fußball! Der Prozess, durch den ich zu meiner Überzeugung P: „Argentinien ist Fußball-Weltmeister“ gelangt bin, ist also mehr als fragwürdig. Dennoch ändert das nichts daran, dass P wahr ist. Die Form der Genese einer Überzeugung ist formal logisch unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Das gilt auch für die Genese religiöser Überzeugungen (und übrigens auch für Einwände der Form: „Du glaubst doch nur X (z.B. an Gott), weil du Y (z.B. so aufgewachsen bist!“).

Treffend ist jedoch der Einwand, man hätte durch diese Form der Genese keinen guten Grund, P für wahr zu halten. Wenn jemand nur aufgrund psychisch-emotionaler „Vorteile“ gläubig ist, sagt das zwar nichts über den Wahrheitsgehalt der betreffenden Glaubensüberzeugungen aus, ist jedoch auch nicht gerade gute Werbung für sie. Auch hier müssen wir zugestehen, dass viele Menschen auf diese Weise glauben. Sie glauben, weil es ihnen gut tut und es ihnen im Leben hilft. Das ist an sich nicht verwerflich, doch wenn das der einzige Grund ist, und der Wahrheitsgehalt von Überzeugungen ins Hintertreffen gerät, solange sie hilfreich sind, ist das mehr als kritisch zu betrachten.

Oft ist uns jedoch nicht bewusst, dass dies auch umgekehrt gilt. So schreibt zum Beispiel der amerikanische Theologe Timothy Keller:

„Everybody knows that there are emotional and psychological reasons why you might want to believe in God. But seldom do people point out that we all have enormous emotional and psychological reasons to disbelieve in God. How so? Im looking at a book like the bible […] anyone sees fairly quickly that if it were true you would lose some control over how you can live your life.“

T. Keller: The Reason for God. Belief in an age of scepticism. New York 2008.

Mit einer Gottesvorstellung können auch Attribute verknüpft werden, die einen, psychologisch betrachtet, vom Glauben abhalten. Beispielsweise gehören Allmacht und Allwissenheit traditionell zum monotheistischen Gottesbild. Das sind Attribute, die auf der einen Seite Geborgenheit und Hilfe versprechen. Aber wollen wir das wirklich? Einen Gott, der alles sieht und weiß, vor dem wir nichts verstecken können und dem wir im Zweifelsfall völlig ausgeliefert sind? Plötzlich scheint es psychologisch vollkommen nachvollziehbar, diesen Gott nicht anziehend zu finden, sondern abzulehnen. So schreibt z.B. der Philosoph Thomas Nagel:

„Ich spreche hier […] von der Angst vor der Religion selbst. Dabei rede ich aus Erfahrung, denn ich bin dieser Angst in hohem Maße ausgesetzt: Ich will, dass der Atheismus war ist […] Es ist nicht nur so, dass ich nicht an Gott glaube und natürlich hoffe, mit meiner Ansicht recht zu behalten, sondern eigentlich geht es um meine Hoffnung, es möge keinen Gott geben!“ (Meine Betonung)

Thomas Nagel: Das letzte Wort. 1999.

Wer Freud also verwenden möchte, um damit psychologisch herzuleiten, warum Menschen den Glauben akzeptieren, muss damit leben, dass dieselbe Argumentationslinie verwendet werden kann, um dessen Ablehnung zu erklären.

Wenn auch mit einem Augenzwinkern, so hat der Oxford-Mathematiker John Lennox vielleicht auch deshalb so auf den Ausspruch Stephen Hawkings reagiert:

Atheism is a fairy story for people afraid of the light.

John Lennox

Egal für welche Seite man die Freud`sche Psychologie (miss)braucht, so zeigt sie doch vor allem eins: Um den Wahrheitsgehalt von Glaubensüberzeugungen infrage zu stellen, ist sie vollkommen unbrauchbar.

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